Spinnmühle / Baumwollspinnerei I Gebrüder Schüller in Venusberg

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Talstraße 60, 09423 Drehbach
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Herausforderungen

Erhaltung

Ort

Sicherung

Zustand

sehr baufällig, keine Notsicherungsmaßnahmen

Ursprüngliche Nutzung

Industrie & Gewerbe - Fabrik

Industrie & Gewerbe - Mühle

Informationen

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Gebäudezustand

Kategorie

Akut bedrohtes Denkmal

Objekt-Nr.

515

Denkmallisten-Nr.

08956479

Ort

Talstraße 60, 09423 Drehbach auf Karte anzeigen

Beschreibung

Der Gebäudekomplex der Schüller-Spinnerei I umfasst die Spinnerei selbst, ein Verwaltungs- und Lagergebäude, ein Wirtschaftsgebäude, einen ehemaligen Gleisanschluss sowie das nicht mehr erhaltene Kesselhaus mit Schornstein. Das Spinnereigebäude ist ein monumentales, regionaltypisches Fabrikgebäude aus Bruchsteinmauerwerk mit vier Vollgeschossen, zwei Dachgeschossen und einem Satteldach mit zwei Dachhechten. Außerdem besitzt der Bau einen Rundbogeneingang, eine Umfassungsmauer aus Sandstein und einen noch erhaltenen Originalschriftzug. Die Spinnerei I wurde zwischen 1855 und 1858 von den Gebrüdern Schüller Spinnerei im Wilischthal, direkt an den Ufern des Flusses Wilisch erbaut und zählt zu den herausragenden Beispielen industrieller Architektur im Erzgebirge. In der Fabrik wurde Baumwolle verarbeitet.

Baujahr

1855-1858

Nutzung

Derzeitige Nutzung

Leerstand

Ursprüngliche Nutzung

Die Geschichte der Schüller-Spinnerei I in Venusberg reicht bis ins Jahr 1661 zurück, als im Tal der Wilisch erstmals eine Mühle mit angeschlossener Bäckerei erwähnt wurde. Im Jahr 1819 erwarb Johann David Schüller die sogenannte „Schüller-Mühle“ in Gelenau. Angesichts steigender Produktionszahlen und begrenzter Kapazitäten entschied er sich gemeinsam mit seinen Söhnen Friedrich Wilhelm und Friedrich Louis, eine neue Spinnerei zu errichten. Zwischen 1855 und 1858 entstand so die Baumwollspinnerei I in Venusberg, die unter dem Firmennamen „Gebrüder Schüller“ geführt wurde. Die moderne Anlage war mit etwa 3.300 Spindeln ausgestattet und nutzte das Wasser der Wilisch als Energiequelle. Ein eigens angelegter Graben, der auf Höhe der späteren Spinnerei II das Flusswasser ableitete, speiste die Wasserräder der Spinnerei I. Bis mindestens 1861 erfolgte der Antrieb ausschließlich durch Wasserkraft. Im Jahr 1862 wandelte das Unternehmen seinen Namen in „J. D. Schüller und Söhne“ um, bevor später eine Familienaktiengesellschaft gegründet wurde, die fortan als „Aktiengesellschaft Gebrüder Schüller“ firmierte. Während der Baumwollkrise, die durch den Amerikanischen Bürgerkrieg (1861–1865) ausgelöst wurde, geriet auch die Schüller-Spinnerei unter Druck. Die Versorgung mit Baumwolle musste auf Lieferungen aus Indien und Ägypten umgestellt werden, was zu Beeinträchtigungen in der Produktion führte. In den Jahren 1883 und 1884 wurde in direkter Nachbarschaft zur ersten Spinnerei die Spinnerei und Zwirnerei Venusberg II errichtet. Der Bau der Schmalspurbahn Wilischthal–Thum im Jahr 1886 brachte der Region nicht nur einen Bahnanschluss, sondern verband die drei Schüller-Spinnereien miteinander. Die Spinnerei I verfügte sogar über einen eigenen Gleisanschluss, der bis in den Hof des Spinnereikomplexes führte. Um 1896 wurde in der Spinnerei II ein Dampfkesselhaus errichtet. Es ist denkbar, dass auch die Spinnerei I zu dieser Zeit mit Dampfkraft ausgerüstet wurde. Sicher belegt ist jedoch erst ein Umbau des Kessel- und Dampfmaschinenhauses im Jahr 1912. Ob zusätzlich eine Turbine zur Energiegewinnung genutzt wurde, bleibt unklar. Bis etwa 1900 war die Spinnerei I der Hauptproduktionsstandort, danach wurde die Verwaltung nach Venusberg II verlegt. Dennoch investierte das Unternehmen weiterhin in den Standort. 1902 wurde ein neues Treppenhaus an das Fabrikgebäude angebaut, moderne Maschinen wie Selfaktoren installiert und ein Lastenaufzug eingebaut. In den 1930er-Jahren zählte die Spinnerei sieben Selfaktoren und acht Ringdrosseln mit einer Gesamtkapazität von 9.716 Spindeln. Ein Anbau im Nordosten der Anlage erweiterte die Produktionsfläche. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs endete 1940 die Produktion in der Spinnerei I, und die Maschinen wurden nach Venusberg II verlegt. Während des Nationalsozialismus mussten ab 1943 weibliche KZ-Häftlinge aus Ungarn und Westeuropa in den sogenannten „Venuswerken“ Zwangsarbeit leisten. Diese Rüstungsaufträge der Dessauer Junkers-Werke wurden unter menschenunwürdigen Bedingungen ausgeführt, und etwa 1.000 jüdische Frauen waren in Außenlagern des KZ Flossenbürg interniert. Rund 100 von ihnen verloren dabei ihr Leben. Nach Kriegsende diente das Gebäude zunächst als Lagerraum. Ein Teil der Anlage wurde bis 1951 an die Mechanische Werkstatt GmbH Venusberg vermietet, die dort Handbohrmaschinen herstellte. Zwischen 1953 und 1955 erfolgte der Umbau der Spinnerei I in ein Lehrlings- und Ledigenwohnheim, das im Volksmund „Nonne“ genannt wurde, da es ausschließlich Frauen beherbergte. Während dieser Arbeiten wurden das Kesselhaus sowie der 29 Meter hohe Schornstein abgerissen, und vermutlich wurde auch der Graben zugeschüttet. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Spinnereien der Region in den VEB Vereinigte Baumwollspinnereien und Zwirnereien integriert, einem Kombinat mit etwa 50 Einzelwerken und rund 14.800 Beschäftigten. Das Gebäude der Schüller-Spinnerei I wurde später als Lehrlingswohnheim für die benachbarte Spinnerei II genutzt. Seit etwa 1992 steht das Gebäude jedoch leer und verfällt zunehmend.

Sonstiges

Das 1855 errichtete Hauptgebäude der Spinnerei ist ein typisches Beispiel für den nüchternen Fabrikzweckbau jener Zeit. Es handelt sich um einen schlichten, mehrgeschossigen Bau, der sich deutlich von den repräsentativeren Palaststilen früherer Industriearchitektur, wie der Evan‘schen Spinnerei in Siebenhöfen, abhebt. Ursprünglich besaß das Spinnereigebäude einen rechteckigen Grundriss und misst etwa 42 Meter in der Länge sowie 12 Meter in der Breite. Seit 1999 steht die Spinnerei I unter Denkmalschutz. Laut offiziellem Denkmaldokument ist die Spinnerei von ortshistorischer Bedeutung. Gemeinsam mit den Spinnereien II (Venusberg) und III (Gelenau) bildet sie ein wertvolles Ensemble mit Seltenheitswert. Der Standort ist ein bedeutendes Zeugnis der industriellen Tradition des Erzgebirges und der sächsischen Textilgeschichte. Um den Verfall des Gebäudes zu stoppen und dessen historische Bedeutung zu bewahren, sind umfangreiche Sicherungsmaßnahmen erforderlich, insbesondere am Dach. Während die bauliche Substanz der Spinnerei stark beeinträchtigt ist, befindet sich das angrenzende Verwaltungsgebäude in einem vergleichsweise guten Zustand. Teile der historischen Baustruktur aus dem 19. Jahrhundert sind noch erhalten, und trotz späterer Umbauten ist das ursprüngliche Erscheinungsbild des Bauwerks weitgehend erkennbar geblieben.

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