Spinnmühle / Baumwollspinnerei II Gebrüder Schüller in Venusberg
Herausforderungen
Erhaltung
Ökonomie
Ursprüngliche Nutzung
Industrie & Gewerbe - Fabrik
Industrie & Gewerbe - Mühle
Wohnen & Geschäft - Gewerbe
Informationen
- Gebäudezustand
- Kategorie
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Bedrohtes Denkmal
- Objekt-Nr.
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545
- Denkmallisten-Nr.
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08956497
- Ort
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Talstraße, 09430 Drebach
- Beschreibung
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Gesamtanlage einer Spinnerei mit Produktionsgebäuden A-D und Kesselhaus, Verwaltung, Werkleitung, Kulturhaus, Zwirnerei, Dampfmaschinenhaus, Turbinenhaus, Lagerhalle, Pförtnerhaus und Industrie-Mühlgraben; beeindruckende Fabrikanlage im Wilischtal, technisches Denkmal, ortshistorische und ortsbildprägende Bedeutung
- Baujahr
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1883-1884 (Produktionsgebäude A); 1895 (Produktionsgebäude B); 1907 (Produktionsgebäude C); 1936-1938 (Produktionsgebäude D); um 1900 (Zwirnerei)
- Nutzung
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Derzeitige Nutzung
Leerstand; Die Produktion der Spinnerei wurde im Juni 2022 eingestellt.
Ursprüngliche Nutzung
Während das erste Produktionsgebäude des Fabrikkomplexes Venusberg II erst 1883 entstand, begannen die Spinnereitätigkeiten der Familie Schüller im Tal bereits einige Jahre zuvor. Im angrenzenden Gelenau existierte seit 1661 die sogenannte niedere Mühle mit Bäckerei. Johann David Schüller erwarb diese im Jahr 1819 und richtete dort als sogenannte Schüller-Mühle 1838 mit seinen Söhnen Friedrich Wilhelm und Friedrich Louis die erste Handspinnerei der Familie ein. Durch steigende Nachfrage und begrenzte Produktionskapazitäten dieser Spinnerei errichteten die beiden Söhne zwischen 1855 und 1858 eine neue Spinnerei, Venusberg I, unter dem Firmennamen Gebrüder Schüller. Hier wurden die Spindeln mit der Wasserkraft des Flusses Wilisch angetrieben. Im Jahr 1862 wandelte das Unternehmen seinen Namen in J. D. Schüller und Söhne um, bevor 1892 eine Familienaktiengesellschaft gegründet wurde, die fortan als Aktiengesellschaft Gebrüder Schüller firmierte. Da die Schüllers weiter expandieren wollten, erwarben sie 1882 schließlich neben einer Spinnerei in Herold auch die sogenannte Brettmühle (auch Knoblochmühle) in unmittelbarer Nachbarschaft zu der Spinnerei Venusberg I. Auf dem Areal dieser alten Mühle waren bereits seit 1827 durch den Textilfabrikant David Oehme Leinen- und Zeugwaren hergestellt worden, dessen Produktionsgebäude jedoch zum Zeitpunkt des Erwerbs bereits abgebrannt. Die Gebrüder Schüller errichteten anstelle dessen von 1883 bis 1884 die Schüllersche Spinnerei II, das heutige Produktionsgebäude A des Werkes Venusberg II. 1886 wurde das Tal an das Eisenbahnnetz angeschlossen, was der Produktion einen weiteren Schub einbrachte. Die Spinnereien der Gebrüder Schüller erhielten einen eigenen Betriebsanschluss an die Kleinbahnlinie Thum - Wilischthal. In den folgenden Jahren erweiterte die Schüller AG den Produktionsstandort schrittweise. Bereits 1895 erhielt Venusberg II das zweite Produktionsgebäude B. 1996 wurde ein Dampfkesselhaus errichtet, wodurch die Produktion auf Dampfkraft umgestellt werden konnte und unabhängig von der Wasserkraft der Wilisch wurde. 1900 folgte der Bau einer Baumwollzwirnerei sowie 1997 das Gebäudes C. 1938, zum einhundertjährigen Bestehen der Schüller-Garne, arbeiteten im Betrieb 1.055 Personen an 125.000 Spindeln, davon 47.000 moderne Ringspindeln. Neben dem Ausbau der Produktionskapazitäten entstanden zudem Wohnhäuser und -siedlungen für die Arbeiter:innen, 1938 zählte die Schüller AG 253 betriebseigene Wohnungen. Im nationalsozialistischen Deutschland brach ein dunkles Kapitel in der Geschichte von Venusberg II an. 1943 bis 1945 produzierte in den Gebäuden C und D unter dem Tarnnamen Venuswerke AG der Rüstungsbetrieb Junkers Flugzeug- und Motorenwerke AG Dessau (Zweigwerk Kassel). Etwa 2.600 Arbeiter:innen, darunter 1.000 weibliche jüdische KZ-Häftlinge stellten dort Teile für die Luftwaffe her. 100 der KZ-Häftlinge sterben in dieser Zeit in Venusberg, unter anderem durch den Ausbruch von Typhus in dem nahegelegenen Barackenlager, in dem sie untergebracht waren. 1945 wurden die Rüstungsanlagen in Venusberg II mit Ende des Krieges demontiert. 1948 begann ein neuer Abschnitt für die Spinnerei – der Betrieb wird in Volkseigentum überführt und in VEB Feinspinnerei Venusberg umbenannt. In den Folgejahren wurden weitere Betriebe des Produktionszweiges an den VEB angegliedert. Venusberg war Stammwerk dieses Betriebes, der nun VEB Feinspinnerei Erzgebirge hieß. 1971 wurde Venusberg mit seinen Teilbetrieben an den VEB Vereinigte Baumwollspinnereien und Zwirnereien angeschlossen, der 54 Produktionsstätten mit etwa 14.400 Beschäftigten zählte. Der Produktionsanteil des Venusberger Werkes an diesem Großbetrieb betrug 18 %. Bereits bis 1960 war der gesamte Maschinenpark in Venusberg modernisiert worden. 1952 entwickelte die Forschungsabteilung des Betriebes mit „Toga“ eine neue, moderne Fadenart, die in der DDR auch Kermalin genannt wurde und bis in das 21. Jahrhundert unter dem Begriff Core-Garn die Produktion der Spinnerei bestimmte. In der DDR wurde Venusberg zudem zu einem Standort umfassender sozialer Daseinsvorsorge ausgebaut. Neben weiteren betrieblichen Wohnungsangeboten wurden Arztpraxen und Kindergartenplätze eingerichtet sowie ein Kulturhaus mit Betriebsküche und Kegelbahn erbaut. Mit der friedlichen Revolution schlossen schrittweise alle Betriebe des VEB – bis auf das Werk in Venusberg. Bis 2022 verarbeitete das Werk weiterhin Baumwolle, wozu auch die Produktionsgebäude und Maschinenanlagen saniert oder erneuert wurden. Dieses Alleinstellungsmerkmal hat zur Folge, dass sich der Fabrikkomplex heute noch in einem guten baulichen Zustand befindet. Nach Produktionsende ging das Eigentum an der Anlage an die Gemeinde Drebach über, die dort Umnutzungs- und Revitalisierungsvorhaben verfolgt. Dazu war die Spinnerei bereits Untersuchungsgegenstand verschiedener studentischer Forschungsarbeiten, etwa einer Vermessung mit Laserscan durch Studierende der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden.
- Fläche
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Grundstücksfläche
20000 m²